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Erfolgsleere – eine Philosophie für die Arbeit in der Industriegesellschaft

In welcher Welt leben wir eigentlich, in der das Jahresunwort nicht allzu lang vergangener Zeiten, heute den Personaler:innen als Salonschmalz im Unternehmen oder in Organisationen dient? Der Autor lässt kaum ein gutes Haar an der Arbeitswelt in der Industriegesellschaft – hat er Recht? Erfolgsleere – eine oder die Philosophie für die Arbeit in der Industriegesellschaft und warum es gut sein kann, noch weiter zu differenzieren.

Sie finden meinen Eingangssatz zu diesem Beitrag zu drastisch? Nach dem Lesen dieses Buches werden Sie darüber sicher anders denken. Das Buch von Dr. Michael Andrick hat mich jedenfalls intensiv beschäftigt, was Sie vielleicht auch an der Länge der Rezension bemerken.

Arbeit allgemein oder nur in der Industrie?

Wenn der Autor mit Arbeit ausschließlich die Arbeit in industriell geprägten Unternehmen meint, und zur Industrie gehören beispielsweise eben auch die Finanzwelt oder der Tourismus, sie bezeichnen sich allzu gern oft genug selbst so, dann ist alles, und ich unterstreiche nochmal deutlich, alles zutreffend, was zur Beschreibung dieser „Arbeitswirklichkeit“ in dem Buch ausgeführt ist. Ein gelungenes „Narrenstück“, eulenspiegelgleich, zum Entlarven allgemeiner, aber gehaltlos oberflächlicher, Selbstverständlichkeiten, die leider im Industriealltag den Anschien von Wichtigkeit vorgaukeln. Sobald wir aus dem industriell geprägten Wirtschaften aussteigen oder gar ganz das Feld der bezahlten Arbeit verlassen, zum Beispiel zur Arbeit im Haushalt oder der Pflege von Angehörigen wechseln, etc., treffen einige der Aussagen nicht mehr zu. Ungeachtet dessen, habe ich selten ein so wohltuendes Buch über die Erkenntnis der Wichtigkeit von sinnstiftenden Selbstwirksamkeitserleben gelesen. Dafür an dieser Stelle schon mal herzlichen Dank an den Autor!

Bewusst ignoriert oder unbewusst?

Wie verbergen wir unser tatsächliches Tun also vor uns selbst und voreinander? Wie machen wir einander das, was wir über uns selbst und unser Tun doch wissen, alltäglich unbewusst, so als lebten wir in einer moralischen Anästhesie? Dies ist das Rätsel unserer Normalität.Dr. Michael Andrick, Erfolgsleere, Verlag Karl Alber in der Verlag Herder GmbH, Freiburg / München, 3. Auflage 2020, Seite 14

Dem Zitat gehen einige Seiten mit zahlreichen Punkten voraus, die Missstände jeglicher Hinsicht anklagen. Vom in die Irre führenden Marketing bis zum oft schwachsinnigen Freizeitverhalten der Menschen in den so genannten Industrienationen. Da ich selbst auch im Bereich Marketing berate, möchte ich an dieser Stelle auf den Unterschied von „in die Irre führen“ zu „informieren“ hinweisen. Der ursprüngliche Aspekt der Werbung war die Information über (neue) Produkte oder Leistungen. Was heute daraus oft gemacht wird, ist zu Recht zu kritisieren. Eine genaue Betrachtung davon, sprengt aber den Rahmen der Buchbesprechung. Hier nur soviel – auch ein Autor muss sich der „Mechanismen“ des Buchmarktes, also auch des Marketings in diesem, bedienen, um sein Buch Lesern bekannt zu machen. Selbst die Rezension hier im Blog ist dafür ein deutliches Zeichen. Sind wir Meister im Verdrängen oder ist an der Beobachtung was dran, dass einiges an dem falsch ist, wie viele von uns in der Welt unterwegs sind?

Michael Andrick lässt aber im ganzen Buch kein Zweifel daran, dass der Mensch von heute selbst kaum trennbar in die Ursachen dieser Missstände verwoben ist. Kann es dafür Auswege geben?

Bibliografische Angaben

  • Titel: Erfolgsleere
  • Untertitel: Philosophie für die Arbeitswelt
  • Autor: Dr. Michael Andrick
  • Klappenbroschur: 208 Seiten
  • Verlag: Karl Alber in der Verlag Herder GmbH, Freiburg / München, 3. Auflage 2020
  • ISBN-13:978-3-495-49096-9
  • Preis (D): 15,00 Euro

Hauptüberschriften aus dem Inhaltsverzeichnis

  1. Das Rätsel unserer Normalität
  2. Handwerk des Lebens
  3. Moralität und Anpassung
  4. Die Ordnung des Ansehens
  5. Erlösung im Erfolg?
  6. Arbeitswelt statt Wirklichkeit
  7. Professionalität und Führung des »Humankapitals«
  8. Ergeiz und Erstarrung

Zitat von F. Schiller an einer Hauswand in der Innenstadt von Jena: Wer gar zu viel bedenkt, wird wenig leisten.

Normalität

Wer also sehr viel Energie für die Frage aufwendet, wie bin ich oder wie verhalte ich mich in den Augen der Anderen richtig, der wird kaum die Kraft für andere wichtige Lebensaufgaben aufbringen. In weiteren Ausführung zu unserer täglichen Normalität in der Arbeitswelt stellt der Autor fest:

Wir wollen mitmachen dürfen.Dr. Michael Andrick, Erfolgsleere, Verlag Karl Alber in der Verlag Herder GmbH, Freiburg / München, 3. Auflage 2020, Seite 19

Dem möchte ich nach fast 30jähirger Beratertätigkeit entgegnen: Nein, die meisten Menschen in meinen „Welten“ wollen eigentlich nur in Ruhe leben, arbeiten (einer sinnvollen und erfüllenden Tätigkeit nachgehen) und im persönlichen Maße gestalten können, nicht mehr und nicht weniger. Die Notwendigkeit des „Mitmachenwollenmüssens“ ergibt sich schlicht aus der Dynamik in solchen industriell geprägten Unternehmen oder Strukturen. Wer sich für eine solche „Karriere“ entscheidet, der muss es wollen, mitmachen dürfen zu wollen!

Konformität, Antikonformität, Variabilität und echte Unabhängigkeit

Der Autor spannt ein Kontinuum mit sittlich großen Menschen gegenüber Konformisten. Doch ist es so einfach?

Moralität und soziale Anpassung sind Gegenpole, zwischen denen wir unser Leben austarieren müssen.Dr. Michael Andrick, Erfolgsleere, Verlag Karl Alber in der Verlag Herder GmbH, Freiburg / München, 3. Auflage 2020, Seite 47

An der Stelle möchte ich leidenschaftlich dafür werben, dass es meiner Sicht sicher kein Kontinuum ist, sondern die Prozesse um die Anpassung viel komplexer sind. Es gibt sozial nicht nur ein Kontinuum vom Konformisten zu DEM moralisch handelnden Menschen. Dieser Raum von Freiheit und Anpassung ist wesentlich vielfältiger. Um ein einfaches Modell zu zitieren: R. H. Willis setzt in seinem Diamantmodell, der Konformität eben nicht den unabhängig seienden und handelnden Menschen gegenüber, sondern den Antikonformisten. Die zweite Dimension bildet die Variabilität (der, der die Fahne in den Wind hängt), die dem tatsächlich unabhängigen Menschen, der als einziger moralisch handeln kann, gegenüber steht. Es ist also zu wenig, wenn ich mein Leben zwischen moralischer Ausrichtung und sozialer Anpassung „austarieren“ muss, ich kann mich nur unabhängig frei entfalten (Selbstverwirklichung).

Denken und Verhalten von Menschen in sozialen Kontexten: unabhängig, konform, antikonform, variabel

nach Willis, R. H. (1963) in Two dimensions of conformity – nonconformity. Sociometrie 26, Seite 499-513, Ergänzungen SL

Unabhängig denkende und handelnde Menschen

Es ist offensichtlich, dass in der Industriegesellschaft die (moralisch) Unabhängigen kaum vorkommen, sie sind entweder krank, nicht (mehr) erwerbstätig, selbständig geworden oder haben diese Form der „Arbeit“ für sich schlicht niemals in Erwägung gezogen. Sie leben oder überleben außerhalb dessen, was man als industriell geprägte Gesellschaft beschreiben könnte. Es ist daher nicht verwunderlich, dass ein in der Industrie arbeitender Mensch, überwiegend nur industriell sozialisiert Konformierte (und die zwei andren) trifft. Und wie viele Antikonformisten und die Fahne-in-den-Wind hängende Menschen in großen Unternehmen kräftezehrend, in ihrer kleinen Welt zurecht zu kommen versuchen oder beharrlich, aber inoffiziell, ihre ganz eigenen Ziele verfolgen, das kann wohl kaum jemand besser erkennen, als der, welcher mit dem fragenden Blick von außen in solche Gebilde schaut. Aus diesem Blickwinkel ist die Frage eines bedingungslosen Grundeinkommens nicht nur hochaktuell, sondern grundsätzlich!

Geplanter, aber genauso sinnloser, Stopp von der Karriere, weil diese nichts von Selbstverwirklichung hat

Man könnte auf die Idee kommen, eine Erklärung für die immer abstruser werdenden Angebote der Freizeitindustrie (zum Beispiel Massentourismus auf dem Mount Everest oder dem Trolltunga-Effekt), darin zu suchen, weil das Karriereleben so gar keine Individualität zulässt oder Selbstverwirklichung bieten kann.

Es gibt definitionsgemäß nichts weniger Originelles, als eine Karriere.Dr. Michael Andrick, Erfolgsleere, Verlag Karl Alber in der Verlag Herder GmbH, Freiburg / München, 3. Auflage 2020, Seite 97

Der konforme Mensch muss sich natürlich seiner Ventile bedienen und kollektiv fragwürdige Massenrituale vollziehen, um davon dann auch noch den anderen Konformierten schwülstig zu berichten. Es geht auch um Ansehen darüber, was als bezahlter temporärer Ausstieg aus dem dauerhaften Wahnsinn der richtige ist. Es ist in der optimierten Gesellschaft auch überhaupt nicht verwunderlich, dass Yoga als einen Boom erlebt wird und Autogenes Training nicht. Abgesehen von der Ansiedlung von AT im vorwiegend medizinischen Bereichen, haben manche Yogapraktiken auch meditativen Charakter, aber das AT würde gar keiner Aktivität, die von außen sichtbar gelobt werden könnte, bedürfen, und ist somit ungeeignet, demonstrativ sinnvolles Beschäftigtsein nach außen zur Schau zu stellen, selbst, wenn man eigentlich entspannt. Wie konform und antikonform die Gesellschaft mittlerweile ist, erkennt man auch daran, dass die „Oberfläche immer flacher wird“! Seit Neil Postman, der sich in seinem Buch „Wir amüsieren uns zu Tode“ schon vor Jahrzehnten dem nutzlosen Konsumieren von flachen Informationen als Problem gewidmet hat, ist diese Entwicklung, hin zu oberflächlichen Häppchen, um ja nicht in die Tiefe gehen zu müssen, vielfach in der Gesellschaft zu beobachten.

Im konventionellen Sinne besonders erfolgreiche Menschen ersticken oft jede Nachdenklichkeit im Keim, in ihrer Freizeitgestaltung und im Gespräch, damit (um einen Ausdruck Nietzsches zu gebrauchen) der Bogen ihres bisherigen Lebens nicht breche.Dr. Michael Andrick, Erfolgsleere, Verlag Karl Alber in der Verlag Herder GmbH, Freiburg / München, 3. Auflage 2020, Seite 32

Hier ist dem, was allgemein mit Burnout in der (Arbeits-)Gesellschaft als anerkanntes Syndrom beschrieben wird, Tür und Tor geöffnet, ohne dass es die betreffenden Menschen auch nur ahnen.

Erfolgsdilemma oder ein gutes Leben?

Der Mensch als Betriebsmittel – Subjekt oder Objekt?, das ist hier die Frage!

Die ideologische Herabminderung des Menschen zu einem Betriebsmittel ist in Deutschland verfassungswidrig, denn sie widerspricht offenkundig dem Grundsatz »Die Würde des Menschen ist unantastbar.« Einen Menschen im Betrieb allen Ernstes als »Ressource« gebrauchen zu wollen, ist genauso würdewidrig wie ihn im Krieg als »menschliches Schutzschild« einzusetzen. Dennoch ist der brutale Ausdruck »menschliche Ressource« in den Personalabteilungen unserer Firmen und Verwaltungen vollkommen akzeptiert. Verfassungsgerichtliche Klagen dagegen sind mir nicht bekannt; der Konsens (oder die Gedankenlosigkeit) scheint solide.Dr. Michael Andrick, Erfolgsleere, Verlag Karl Alber in der Verlag Herder GmbH, Freiburg / München, 3. Auflage 2020, Seite 149, f.

Einmal abgesehen davon, dass die Benutzung vorwiegend englisch bezeichneter Fachbegriffe im Personalbereich zu einer schlimmen Unsitte geworden ist, sollte sich an der Stelle jeder über die Bedeutung des „HR“-Fachbegriffes Recruiting im Klaren sein. Rekrutierung – ein Rekrut ist ein neu eingezogener Soldat. Das Wort stammt ursprünglich aus dem Französischen und hat in einer Bedeutung etwas mit „Nachwachsen“ zu tun. Recruiting – denn passen muss es oder eben auch nicht! Denn wenn Unternehmen heute nur noch Menschen einstellen, die zur Kultur passen (müssen), wird jede wirklich neue Entwicklung systematisch, und zwar von Anfang an, verhindert. Als Unternehmens- und Personalberater könnte einem das nur recht sein, sichert es doch die beständige Nachfrage nach Entwicklungsprojekten. Das Buch bietet eine Reihe von Ideen und Methoden zum Philosophieren über die Arbeit allgemein und den Menschen in der Industriegesellschaft im Speziellen. Es braucht neben dem philosophischen Handwerkszeug noch das psychologische Wissen und Können, denn allzu leicht enden gestalterische Freiheiten im Dschungel ängstlicher Zurückhaltung des (Über-)Lebensalltages, und das auch heute noch!

Es geht um die Fähigkeiten und Fertigkeiten von Menschen, … Sie wollen Menschen nicht zerteilen …, sie wollen die Fähigkeiten und Fertigkeiten der Mitarbeiter ansprechen und sie dann zielgerichtet zum Einsatz bringen. (Auf psychologischer Ebene ist das allerdings analog zur Zerteilung und Verwertung des Körpers.)Dr. Michael Andrick, Erfolgsleere, Verlag Karl Alber in der Verlag Herder GmbH, Freiburg / München, 3. Auflage 2020, Seite 150, f.

Hier sehe ich einen klaren Widerspruch zum sinnerfüllten Leben in der Entfaltung meiner Fähigkeiten, Talente und Potenziale – ich würde mich ja quasi „selbst zerteilen“, wenn ich eine Fähigkeit zur Meisterschaft entwickle, auch wenn es die Erfüllung meines Lebenstraumes ist. Auch die sinnvolle Kooperation wäre demnach Selbstverstümmlung, was meiner Erfahrung nach überhaupt nicht zutrifft. Symbiose würde dann quasi Selbstaufgabe sein! Jede Kooperation würde dann der Selbstzerteilung gleich kommen!

Sinn und die Kunst gesund zu bleiben

Gesundheit hat man nicht nur selbst in der Hand, man kann aber einiges für Gesundheit tun. Neben den vielen bekannten Rezepten dürfte in Organisationen die Idee der Salutogenese (wie Gesundheit entsteht) von zentraler Bedeutung sein. Die im Buch beschriebene Dynamik in Strukturen der Industriegesellschaft ist in vielen Punkten das genaue Gegenteil davon. Viktor Frankl könnte man, wirklich sehr vereinfachend, mit folgenden Worten sinngemäß zitieren: Freiheit ist immer auch die Freiheit Nein zu sagen (innerlich, wie äußerlich!), auch zu bestimmten Einstellungen, die sich vielleicht gerade bei mir entwickeln, weil ich in einer bestimmten Art und Weise (zum Beispiel als Betriebsmittel) behandelt werde. Und die Mehrheit der Menschen dürfte den Sinn des Lebens nicht in der Hingabe als Betriebsmittel sehen. Wenn ich die Stirn habe, NEIN zu sagen, dann muss ich allerdings die Verantwortung für die Folgen übernehmen. Meistens stellt das Verlassen eines Systems für dessen Mitglieder ein (scheinbar) zu großes Risiko dar, deswegen wird „viel“ ertragen, vielleicht gerade auch in Deutschland.

Viele jagen dem Glück nach, ohne je für das Glückserleben im Moment bereit zu sein. Zur Normalität gehört es leider auch, permanent die Trennung von Arbeit und Leben zu zementieren, was natürlich sehr deutlich hinterfragt werden kann.

Führung und „ideologischer Überbau“

New Work, agiles Arbeiten, auf Augenhöhe kommunizieren, Leute irgendwo abholen, … sind alles Versuche … neue Impulse, nicht nur in die industriell geprägten Unternehmenskulturen zu bringen. Nicht selten werden diese gut gemeinten Interventionen aber von den Systemen „kulturell vollständig verdaut“ und ihnen dann der „gebührende Platz im Unternehmen zugewiesen“.

Und wir alle sind Subjekte oder Objekte, Handelnde oder Behandelte, der Führungsarbeit.Dr. Michael Andrick, Erfolgsleere, Verlag Karl Alber in der Verlag Herder GmbH, Freiburg / München, 3. Auflage 2020, Seite 141

„Alles ist relativ“, dem stimmt der Autor des Buches überhaupt nicht zu. Im Gegenteil, er sieht den Relativismus als Ausrede und ideologischen Überbau von „denen da oben“, um die bestehenden Sinnlosigkeiten in der Industriegesellschaft scheinbar sinnvoll begründen zu können.

Die Industriegesellschaft, insbesondere die »Offiziere« aller Ränge, benötigen ein intellektuelles Alibi für ihre vollkommene und immens einflussreiche Gleichgültigkeit in einer offensichtlich ungerechten Welt. Dieses Alibi bietet nur die Pseudophilosophie des moralischen Relativismus, in der wir uns folgerichtigweise auch mehrheitlich eingerichtet haben – und sei es unbewusst.Dr. Michael Andrick, Erfolgsleere, Verlag Karl Alber in der Verlag Herder GmbH, Freiburg / München, 3. Auflage 2020, Seite 143

Wahrheit, Wirklichkeit und Wahrnehmung – Relativismus und die Sache mit der Wirkung

Hier greift der Autor zu kurz, wenn er den Relativismus als einfache, einzige, aber komplexe Entschuldigung für individuelle Kurzsichtigkeit und als die Grundlage der Verteidigung derselben sieht. Gesellschaftlich, auch in jedem Unternehmen und jeder Struktur, bleibt die Notwendigkeit über Kommunikation oder allgemeiner Interaktion nicht nach dem „kleinsten gemeinsamen Nenner“, sondern der größtmöglichen Menge von Gemeinsamkeiten zu suchen und diese gemeinsam erarbeitete Basis für vertrauensvolles Zusammenarbeiten zu erkennen. Gelingt das nicht, dann wird niemand mehr jemandes Elfenbeinturm erklimmen, schlicht weil er selbst in einem solchen Turm verhaftet ist.
Der Dauerbrenner „schlechte Kommunikation im Team“ (was nicht der Austausch von Information ist!) stellt nur einen Hinweis für das regelmäßige Misslingen nützlicher Kommunikation in Unternehmen dar. Wer sich um eine Literaturrecherche in dem Bereich bemüht oder auf eine lange Beratungserfahrung zurückgreifen kann, der stellt fest, seit Jahrzehnten ist das Thema miese Kommunikation an oberster Stelle bei den Ursachen in Unternehmen, wenn irgendetwas nicht funktioniert.

Zum Punkt Wahrheit sei noch zitiert:

Denn was wir unter ›wahr‹ und ›Wahrheit‹ verstehen, ist, so die Haupthese, (vermutungsweise: irreduzibel) abhängig von »Leitüberzeugungen«, »Gedankenmotiven«, »grundlegenden Intuitionen«, die zu einer letztlich »persönlich existentiellen« Sicht auf die – Mensch und Welt umspannende – Wirklichkeit im Ganzen gehören, die ein »Weltbild« (eine Ontologie), einen Maßstab der Bewertung (ein Ideal) und eine oberste praktische Zweckbestimmung umfasst und präsumtiv das ist, was in subsemantischer Semantisierung, d. h. noch bevor wir Worte haben, »jedes Feld der Sinne« schon »zu einem Feld von Sinn« gemacht hat. Petra Kolmer und Armin G. Wildfeuer (Hrsg.), Neues Handbuch philosophischer Grundbegriffe, Lizenzausgabe für Wissenschaftliche Buchgemeinschaft von VERLAG KARL ALBER in der Verlag Herder GmbH, Freiburg im Breisgau 2011, 3. Band, Seite 2398

(präsumtiv: vermutlich, mutmaßlich, voraussetzend, als wahrscheinlich angenommen oder vorausgesetzt; irreduzibel: nicht zurückführbar, nicht von etwas anderem ableitbar)

Die Wahrnehmungs- oder auch Gestaltpsychologie hat ein sehr anschauliches Beispiel parat: sogenannte Kippbilder lassen subjektiv mindestens zwei „Bild- oder Gestaltwahrheiten“ zu. Welches Bild ist „wahrer“? Natürlich beide, nur zu unterschiedlichen Zeiten. So sind zum Beispiel Beurteilungsfehler bei der Leistung von Menschen immer auch Wahrnehmungsfehler.

Ansehen, eigenes Denken, Verschultheit – Nachdenken nicht erwünscht?

Wenn die Note auf einem Abschluss zur Ware verkommt und die Universität heute mehr denn je einem Industriebetrieb gleicht, dann …

Diese Wirklichkeit, unsere Gegenwart, hat eine lange Vorgeschichte der systematischen Schwächung des eigenständigen Nachdenkens und damit der moralischen Person.Dr. Michael Andrick, Erfolgsleere, Verlag Karl Alber in der Verlag Herder GmbH, Freiburg / München, 3. Auflage 2020, Seite 61

Unabhängig zu sein, was bedeutet das eigentlich? Es heißt ja nicht nur, moralisch handeln zu können, es heißt ja vielleicht auch, grundsätzlich den Dingen auf den Grund zu gehen oder auch finanziell unabhängig zu sein. Geht das überhaupt? Letztlich ist auch der bargeldhortende Skeptiker abhängig davon, dass seine Scheine und Münzen morgen von jemanden noch als Zahlungsmittel anerkannt werden. Das Stichwort hier ist Interdependenz, die Abhängigkeit unabhängiger Menschen.

Neue, besser andere Wege gehen, wenn es um Arbeit geht!

Warum Sie dieses Buch lesen sollten?

Ganz einfach: Lesen Sie es! Wenn Sie danach weiterhin sorglos an Ihrer Karrierelaufbahn feilen, dann ist das nicht zu ändern. Wenn Sie es aber lesen, kann es durchaus sein, dass Sie den konformistischen Weg einer Karriere mit ganz neuen Augen sehen! Allen die, die diesem Buch starken Tobak attestieren, gehen entweder mit abgestumpften Sinnen durchs Leben oder haben nie industriell geprägte Strukturen oder Organisationen von innen erlebt. Ich gebe gern zu, diese Buchbesprechung hat mich intensiv beschäftigt.
Ein Buch, das Offensichtliches und Selbstverständliches anprangert, und doch so in die Tiefe geht, lese ich sehr gern, „leider“ bleibe ich dann regelmäßig in den quer verwiesenen Werken „stecken“. Also – kein starker Tobak, ich erlebe täglich die Welt der verschiedensten „Industrien“ in unserem Land.

Ich erlebe aber auch andere Wirklichkeiten, in denen man sinnvoll arbeitet, sich frei entfaltet und davon leben kann, ohne sich einer Industrieorganisation anschließen zu müssen. Das sind aber eben oft gerade jene kleinen Unternehmen oder Soloselbständige, die man seit Jahrzehnten auch versucht zu industrialisieren. Natürlich stellt sich aus dem Blick der Arbeitswelt die Frage: Brauchen wir überhaupt eine Philosophie für die Arbeit? Es reicht doch, wenn es ein überzeugendes Unternehmensleitbild als Sinnstiftung gibt. Das Buch leistet gerade in dieser Frage einen tollen Beitrag. Filmisch wurde unser „Arbeitsheute“ schon in „Moderne Zeiten“ von Charlie Chaplin und anderen aufgegriffen. Interessant ist zu beobachten, dass sich seitdem nicht viel Grundsätzliches geändert hat. Also ja, wir brauchen Antworten auf die Frage „Wie gutes und sinnvolles Arbeiten jetzt besser geht?“, ja, wir brauchen Ideen darüber, was überflüssiges Gelaber in Sonntagsreden ist, und was wirklich brauchbare neue Ideen sind, um ein gutes Leben zu führen.

Wenn es (das Leben) nur am Erfolg gemessen wird, dann ergibt sich sofort ein systematisches Problem. Jedes Erfolgserleben drängt im modernen Menschen nach Wiederholung.

Ich hätte mich noch über ein Quellenverzeichnis gefreut, da es viele Verweise im Text gibt, vielleicht kann man das bei der vierten Auflage ergänzen.

Nein kann man auch sagen!

Der Autor hält nicht so viel von systemtheoretischen Ideen (zumindest von der sozialen Systemtheorie von Niklas Luhmann nicht), selbst beschreibt er aber die Abhängigkeit des Menschen in miteinander interagierenden Welten. Dafür steht praktisch das gesamte Buch und die Tatsache, dass trotz dieser vielen Unzulänglichkeiten, die oben beschriebenen Themen, Alltag in, zumindest industriell organisierten, Strukturen ist. Hier würde ich gern mit dem Autor ins Gespräch kommen, welche Auswege es geben kann … Was fehlt ist die frohe Botschaft, dass jeder einzelne Mensch ein Wort kennt, dass wir als Kinder nur allzu ungern gehört haben und es sicher deswegen im Erwachsenenalter so wenig aussprechen. NEIN zu sagen, diese Verantwortung trägt jeder von uns für sich allein. Wer es nicht sagt, wenn es „eigentlich“ sein müsste, macht sich abhängig.

Podcast

Wer noch mehr zu dem Thema mit dem Autor hören will, dem sei der Podcast 107 empfohlen – das für mich wichtigste Zitat aus dem Podcast:

Man muss lernen, Fachgrenzen zu ignorieren.Dr. Michael Andrick, Podcast 107, Philosophie für die Arbeitswelt bei Motcast

Denn gerade das erlebe ich in heutigen Tagen immer weniger!

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Weitere interessante Bücher:

Hier schreibt der Unternehmensberater, Coach und Organisationsentwickler, mit viel Lust auf Marketing und Vertrieb. Ich bin auch Vortragsredner, Workshopleiter, Supervisor, Unternehmer seit 1991, Leipzig-, Eilenburg- und Berlin-Versteher sowie deutschsprachig weit unterwegs, von Herzen Nordsachse, Optimist in den meisten Fällen, Blogger, Fotograf, Trainer, auch Ausbilder für Autogenes Training – kurz: vielleicht auch dein Entwicklungsspezialist?
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