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Wir sind der Markt – radikale Utopien für das digitale Zeitalter



Wir sind der Markt – Geschichtsschreiber in 100 Jahren werden unsere Zeit vermutlich als die Prädaten-Gesellschaft beschreiben. Die Epoche, in der es gelang, die Wirtschaft auf völlig neue Beine zu stellen. Massen von Datenarbeitern lieferten völlig unbezahlt den Rohstoff dieser neuen Gesellschafts- und Wirtschaftsform, freiwillig, desinteressiert und somit hochgradig unwissend, nutzten Sie vermeintlich kostenfreie Tools zur scheinbaren Erleichterung ihres Lebens. Sie merkten nichts von der Abhängigkeit. Im Jahr 2120 interessiert das auch keinen mehr. 2019 gab es durchaus schlaue Köpfe, die Auswege aufgezeigt hatten, man hätte sie nur lesen und beherzigen müssen. Zwei dieser Autoren sind Eric A. Posner und E. Glen Weyl. Ihr Buch „Wir sind der Markt!“ schlägt in der Tat eine Zukunft vor, die wirklich radikal anders wäre.

Ohne, dass es die beiden Autoren explizit an einer Stelle des Buches so schreiben, ist die Grundlage ihrer Vorschläge eine Marktradikalisierung über für jeden frei zugängliche Auktionen, für fast alles im Leben, einschließlich Wahlen – sich „selbst“ über den Preis regulierend und somit auch transparent für alle. Wenn man an die technischen Lösungen dafür glaubt oder diesen vertraut und die Vorschläge für die Erteilung des Zuschlages bei diesen Auktionen verstanden hat, sie richten sich nicht unbedingt nach dem Höchstbietenden, dann ist die Vorstellung einer solchen Wirtschaft und der daraus resultierenden Gesellschaft aber immer noch sehr utopisch.

Insofern hält der Titel genau, was er verspricht. Das Buch fesselt selbst den betriebs- oder volkswirtschaftlichen Laien, da die angeschnittenen Themen alle und darüber hinaus das gesamte Leben betreffen.

Bibliografische Angaben

  • Titel: Wir sind der Markt!
  • Untertitel: Radikale Utopien für das digitale Zeitalter
  • Autoren: Posner, Eric A. / Weyl, Glen
  • Hardcover: 320 Seiten
  • Verlag: Ver­lag wbg Theiss bei Wissenschaftliche Buchgemeinschaft, Darmstadt, 1. Auflage 2019
  • ISBN-13:978-3-8062-4022-1
  • Preis (D): 24,00 Euro

Hauptüberschriften aus dem Inhaltsverzeichnis

  • Vorwort: Die Auktion wird euch frei machen
  • Einleitung: Die Krise der freiheitlichen Grundordnung
  • 1. Eigentum ist Monopol
  • 2. Radikale Demokratie
  • 3. Die Arbeiter aller Länder vereinigen
  • 4. Die Krake zerschlagen
  • 5. Daten als Arbeit
  • Schluss: An die Wurzel gehen
  • Nachwort: Nach den Märkten?
  • Dank
  • Anmerkungen
  • Register

Zwei zentrale Thesen des Buches

Beide Autoren gehen von zwei grundsätzlichen Problemen oder Überlegungen aus:

  1. Unternehmen, und die Entscheider in ihnen, haben eine Art Marktmacht, mit der sie in der Lage sind, Preise zum Eigennutz zu manipulieren und
  2. es gibt Märkte, die keine sind, auf denen aber Marktmacht ausgeübt wird. Das trifft auf Leistungen zu, die zum Beispiel vom Staat „angeboten“ werden.

Diese beiden Probleme seien ein Grund für viele politische Konflikte und stagnequality, was wohl so viel wie geringes Wachstum bei gleichzeitiger größer werdender Ungleichheit anstelle von Inflation bedeutet. Sie kommen zu dem Schluss, dass es einen Markt für politischen Einfluss und ganz dringend auch für Daten braucht, um diesem Übel an die Wurzel zu gehen.

Ein dringend benötigter Markt für Daten existiert einfach nicht. Unsere Marktwirtschaft mit angeblich vollständiger Konkurrenz krankt anscheinend tatsächlich an monopolistischen und fehlenden Märkten.Wir sind der Markt!, Posner & Weyl, Ver­lag wbg Theiss, Darmstadt 2019, Seite 40

Es gibt einen gewaltigen Unterschied zwischen künstlicher Intelligenz (KI oder engl. AI) und künstlichem Bewusstsein! Ich halte es für täglich geboten, auf diesen hinzuweisen, da erstens viele, die mit KI-Lösungen heute Geldverdienen (wollen), gern den Eindruck erwecken, wir würden mit Maschinen, die über künstlichem Bewusstsein verfügen, interagieren. „KI frisst Daten und spuckt mehr oder weniger haltbare Zusammenhangsvermutungen aus!“ Die Grundlagen, auf denen ein Zusammenhang hergestellt werden will, sind dabei nicht selten höchst zweifelhaft, werden aber als über die KI gesicherte Erkenntnis verkauft. Zweitens sind das, was heute oft mit KI etikettiert wird, schlichtweg sehr schnell ablaufende Algorithmen (nicht selten auch noch mit der Unterstützung von so genannten Clickworkern), die Massendaten verarbeiten. Würde das menschliche Gehirn so arbeiten müssen, wären die meisten Menschen nicht mehr in der Lage zu leben.

Die Rolle des Nutzers als wichtiges Rad im Getriebe der Informationsgesellschaft – als Datenproduzent und Datenverkäufer – wird hervorgehoben. Warum ist das wichtig? Die meisten Menschen begreifen gar nicht das Ausmaß, in dem ihre Arbeit – als Datenproduzenten – die digitale Wirtschaft befeuert. … KIs … gestalten die Interaktion zwischen Arbeitern (das heißt uns, den Daten produzierenden Nutzern) und Maschinen (Rechenleistung), um bestimmte Informationen oder Produktionsdienstleistungen zu erzeugen. Die schwierige Arbeit besteht oftmals nicht darin, tiefgründige algorithmische Modelle zu entwickeln. Es geht viel mehr darum, die bestehenden Modelle an die relevanten Daten anzupassen und die gewünschte Dienstleistung zu liefern.Wir sind der Markt!, Posner & Weyl, Ver­lag wbg Theiss, Darmstadt 2019, Seite 201

Warum Sie dieses Buch lesen sollten?

Es braucht neue Ideen und Ansätze weit über die Brille der Betriebswirtschaft hinaus. Bei allen (wichtigen) Anstrengungen, die Effizienz zu verbessern, fällt selbst dem ökonomischen Laien schon länger auf, dass es erhebliche Probleme gibt, bei dem, was wir heute soziale Marktwirtschaft nennen! Vor einiger Zeit hatte das Thema Regionalwährung das Zeug eine solche interessante und eigentlich überhaupt nicht neue Sichtweise oder gar Wirtschaftsweise, zumindest auf regionale Wirtschaftsstrukturen bezogen, zu sein. Leider sind alle ernstzunehmenden Versuche der Realisierung aus heutiger Sicht gescheitert. Die Ideen von Posner und Weyl sind radikal. Es ist schwer vorstellbar, seine politischen Einflüsse über eine Auktion zu kaufen und entsprechend so Macht auszuüben. Darum geht es hier aber nicht – es sind genau solche neuen Ideen, die diskutiert und auch ausprobiert oder weiter gedacht werden müssen, damit man aus dem, wie aktuell an Wirtschaft funktioniert, Wege in eine „bessere“ Zukunft finden kann!

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Hier schreibt der Unternehmensberater, Coach und Organisationsentwickler, mit viel Lust auf Marketing und Vertrieb. Ich bin auch Vortragsredner, Workshopleiter, Supervisor, Unternehmer seit 1991, Leipzig-, Eilenburg- und Berlin-Versteher sowie deutschsprachig weit unterwegs, von Herzen Nordsachse, Optimist in den meisten Fällen, Blogger, Fotograf, Trainer, auch Ausbilder für Autogenes Training – kurz: vielleicht auch dein Entwicklungsspezialist?
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