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Arbeit noch besser machen – positive Psychologie in Unternehmen und Organisation

Auch wenn der Kontext ein anderer ist, aber ein Bibelzitat steht wie kein anderes für eine Sicht auf das, was wir heute Arbeit nennen. Physikalisch hat Arbeit mit einer einwirkenden Kraft, auf sich dann bewegende Körper zu tun. In Unternehmen reden wir heute davon, dass sich unsere Arbeitsweisen ändern oder wandeln müssen. Viele sprechen aber immer noch nur dann von Arbeit, wenn einem der Schweiß buchstäblich auf der Stirn steht oder eben sichtbare Effekte in jedem Fall auf eine Anstrengung schließen lassen. Nico Rose widmet sich in seinem Buch „Arbeit besser machen“ den Auswirkungen der Erkenntnisse und Anwendungen der positiven Psychologie auf Unternehmen und Organisationen. Wie kann man Arbeit noch besser machen und welche Effekte hat das? Über eine spannende Reise in Arbeitswelten, die leider noch viel zu oft nur Zukunftsvisionen sind.

Der Spannungsbogen in die Geschichte der Menschheit, auch weit über die Entstehungszeit des Bibeltextes hinaus, ist keinesfalls übertrieben. Stellt sich die Positive Psychologie im Kern doch auch die Frage, die sich die Menschen wahrscheinlich schon immer vor Augen führten: Wie gestalte ich ein (mein) gutes Leben und woran orientiere ich mich? Nico Rose verbindet die Positive Psychologie mit der der heutigen Arbeitswelt, das ist für uns hier im Streuverluste-Blog und unserer Beratungspraxis willkommenes Thema, da wir schon länger von „Lebensfreundlichen Unternehmen“ sprechen und in diesen arbeiten.

Im Schweiße deines Angesichts sollst du dein Brot essen, …Altes Testament, 1. Mose 3, 19

Als Praktiker der Unternehmens- und Personalentwicklung mit sowohl psychologischen als auch wirtschaftlichem Hintergrund war das Lesen des Buches von Nico Rose Fluch und Segen zugleich. Selten habe ich eine solche Fülle von menschlichen Themen in Bezug auf ARBEIT in so kompakter Form gelesen. Dabei sind sowohl die Werkzeuge Anregung fürs Ausprobieren, aber auch die Querverweise und Interviews sehr gut geeignet, jegliches Tagesgeschäft in den Hintergrund zu rücken und sich auf das Abenteuer einer Tiefenrecherche einzulassen. Herrlich, wenn man feststellt, dass es uns Menschen schon recht lange Zeit um das geht, was viele heute leider unter dem Begriff Work-Life-Balance missverstehen. Der Begriff ist irreführend und zementiert eine Trennung zwischen Arbeit und Leben – es braucht aber eine Trennung zwischen Anstrengung und Belastung sowie Entspannung und Ruhe, zudem hilfreiche Rituale des Übergangs. Im Kern geht es also um ein gutes Leben – auf Arbeit, in der Freizeit oder wo auch immer ich denke, dass ich leben möchte!

Die Positive Psychologie bietet hier für die Personalarbeit und die Führung zahlreiche interessante und auch finanziell lohnende Ansätze. Nico Rose findet für diese Ideen oft einfache, aber nicht minder ausreichende Worte, um sich dieser Themen in der Unternehmens- und Organisationspraxis selbst zu stellen.

Bibliografische Angaben

  • Titel: Arbeit besser machen
  • Untertitel: Positive Psychologie für Personalarbeit und Führung
  • Autor: Nico Rose
  • Broschur: 384 Seiten
  • Verlag: Haufe-Lexware GmbH & Co. KG, Freiburg, 1. Auflage 2019
  • ISBN-13:978-3-648-12418-5
  • Preis (D): 39,95 Euro

Hauptüberschriften aus dem Inhaltsverzeichnis

  • Vorwort
  • Einklang
  • Entstehung und Grundgedanken der Positiven Psychologie
  • Grundgedanken der Positive Organizational Scholarship (POS)
  • PERMA:Positive Emotionen
  • PERMA:Engagement
  • Erstes Intermezzo: Führung – abseits von >>Command an Control<<
  • PERMA:Beziehungen
  • PERMA: Sinn
  • Zweites Intermezzo: Die kreative Organisation
  • PERMA: Zielerreichnung, Leistung, Erfolg
  • Ausklang
  • Anhang, Danksagung, Literatur- und Stichwortverzeichnis

Knausern rächt sich bitter und Super-Produktivität ist menschlich oder wie aus einer 1 ganz schnell 0,26 bzw. 2,99 wird!

Die Positive Psychologie ist eine recht junge Disziplin, die Themen aber, mit denen sie sich beschäftigt, sind sehr alt und gleichzeitig so modern, dass man sich mit Recht die Frage stellen muss: Was braucht es, damit die wirklich wrichtigen Themen und Methoden in Unternehmen richtig angewendet werden? Denn am mangelnden Wissen kann es heutzutage nicht liegen! Andererseits scheint es so, dass die Lage in vielen Unternehmen und Organisationen im Blick auf die psychische und soziale Vitalität alles andere als rosig ausschaut. Die Zahlen der Krankschreibungen aufgrund psychischer Ursachen sind in den letzten Jahren massiv gestiegen und steigen weiter. Dass effektive und effiziente („gute“) Führung und Organisation auf direktem Wege auf die Menschen im Unternehmen wirkt, wird wohl niemand ernsthaft in Zweifel ziehen wollen. Was das aber für jeden Menschen konkret bedeutet, welche Werte, Einstellungen und auch Verhaltensweisen kritisch hinterfragt werden müssen, das ist in der Praxis nicht nur nicht einfach, sondern gerade DIE Herausforderung!

Das „Sich-Zurückhalten“ ist eines der beherrschenden Phänomene des Lebens in Organisationen. Es ist der wichtigste Grund, aus dem Arbeit als energieraubend und wenig lebenspendend wahrgenommen wird. … Alle Beteiligten fokussieren auf hilfreiche Kontributionen, die andere nicht leisten, obwohl sie nicht besonders aufwendig wären – und übersehen dabei, dass diese jeweils den Fall genauso wahrnehmen, nur eben mit umgekehrten Vorzeichen. … Am Ende des Tages lässt sich das Leben in Organisationen für den Einzelnen auf wenige existenzielle Fragen reduzieren. … Wie (er-)leben und verhalten wir uns im Alltag? … Glauben wir das Menschen inhärent gut sind? Esa Saarinen im Interview mit Nico Rose, in Arbeit besser machen, Haufe-Lexware GmbH & Co. KG, Freiburg, 2019, Seite 216

Ein Beispiel für diese psychosoziale Dynamik findet sich im Buch im Interview mit Esa Saarinen. Es ist wichtig zu erkennen, dass niemand, weder Führungskräfte, Mitarbeiter oder Kollegen, absichtlich in diese Entwicklungsspirale geraten! Salopp könnte man sagen, hier stehen wir Menschen uns regelmäßig selbst im Weg. Das ist ein Grund, warum es seit vielen Jahren neben der Forderung nach Supervision in helfenden Beziehungen, immer mehr praktische und regelmäßige Anwendungen gibt. Das oben genannte „Rechenbeispiel“, das beim Lesen sehr zum Nachdenken anregt, sollte sich jede Führungskraft täglich auf der Zunge zergehen lassen!

Glückseligkeit, glücklich sein und Wohlbefinden

Wenn ich Positive Psychologie zusammenfassen sollte, würde wohl am ehesten folgender Satz stehen: Wie kann ich mit meiner Aufmerksamkeit auf das Positive im Leben (Sinn, Glück, Zufriedenheit, Gesundheit, etc. …) ein erfülltes und glückliches Leben leben? Bezogen auf das Buch von Nico Rose käme noch die Ergänzung dazu, wie das in Leistungsprozessen auch zu realisieren geht. Letztlich geht es immer um die Frage der Motivation – und zwar ausschließlich der intrinsischen Motivation. Nico Rose bemüht Aristoteles Nikomansiche Ethik, um eine von zwei Achsen des menschlichen Wohlbefindens näher darzustellen. Zur Glückseligkeit schreibt Aristoteles:

Vollkommener nennen wir das um seiner selbst willen Erstrebte gegenüber dem um anderer Ziele willen Erstebten, … Derart dürfe in erster Linie die Glückseligkeit sein. Denn diese suchen wir stets wegen ihrer selbst und niemals wegen eines anderen; Ehre dagegen und Lust und Vernunft und jede Tüchtigkeit suchen wir teils wegen ihnen selber (denn auch wenn wir keinen weiteren Gewinn von ihnen hätten, würden wir jedes einzelne von ihnen wohl erstreben), teils aber auch um der Glückseligkeit willen, da wir glauben, eben durch jene Dinge glückselig zu werden.Aristoteles, Die Nikomanische Ethik, Deutscher Taschenbuch Verlag GmbH & Co. KG, München, 6. Auflage 1986, Seite 64

Diese Idee konsequent für die Arbeit in Unternehmen weiter gedacht bedeutet: dienende Führung.

Über allen stehen die Bedürfnisse und das Wohlergehen des Menschen, erst im zweiten Schritt geht es um das Prosperieren der Organisation. Führungskräfte befreiten sich weitestmöglich von dem Zwang, die Ziele der Geführten mit denen der Organisation in Deckung bringen zu müssen. Stattdessen vertrauen sie fest darauf, dass die Gerührten aus freien Stücken ihren besten Beitrag leisten wollen, können und werden.Nico Rose, Arbeit besser machen, Haufe-Lexware GmbH & Co. KG, Freiburg, 2019, Seite 169

Echt jetzt?! Glück und Glückseligkeit auf Arbeit? Wohlergehen aller im Unternehmen? Nico Rose und auch die Positive Psychologie sagen ja, was sonst. Dabei spielen auch „harte“ Zahlen eine wichtige Rolle, so lässt sich nachweisen, dass es einen klaren Zusammenhang zwischen der Anwendung der Positiven Psychologie im Unternehmen und einem Wettbewerbsvorteil zumindest am Kapitalmarkt gibt. Ob das so ohne Weiteres bei KMU auch messbar ist, bleibt eine offene Frage, da sowohl die Erfahrungen des Autors, als auch viele Beispiele wieder nur aus großen Organisationen und Unternehmen kommen.

Nico Rose beschreibt im Buch fünf Säulen eines erfüllten Lebens, andere Autoren kommen zu weiteren wichtigen Faktoren für ein glückliches Leben. PERMA, ein gut erforschtes Modell, steht für

  • Selbstakzeptanz,
  • positive soziale Beziehungen,
  • Autonomie,
  • Sinn und Lebenszweck,
  • aktive Umweltgestaltung,
  • persönliches Wachstum.

Anhand dieses Schemas führt Nico Rose den Leser in eine Welt der positiven psychologischen Ideen in und für Organisationen und Unternehmen.

Mythos Pygmalion oder täglich denkt die Führungskraft – etwas über die Menschen im Unternehmen und seine Mitarbeiter im Speziellen

Die sich-selbst-erfüllende Prophezeiung, auch Pygmalion- oder Rosenthal-Effekt genannt, ist quasi die Muttermilch, mit der sich die Positive Psychologie salonfähig gemacht hat. Im Kern geht es um den Einfluss unserer Gedanken und Überzeugungen über das Verhalten von uns selbst und von Menschen in direkter sozialer Umgebung.

Liebe endert Natur

Pygmalion mahlt eine Dame nach/
Verliebt sich selbst ins schöne Bild/ und sprach:
O möchtest du mein Ehegatte sein!
Flugs bließ ihm Geist und Leben Venus ein.Johannes Plavius, um 1630, zitiert in Mythos Pygmalion, Aurnhammer und Martin (Hg.), Reclam Verlag Leipzig, 2003, Seite 55

Rose weist zurecht auf dieses Phänomen hin, das mittlerweile auch in der Dynamik zwischen Führungskräften und Mitarbeitern erforscht ist. Er geht sogar soweit und empfiehlt:

Das künstliche Induzieren eines Pygmalion-Effektes scheint eine der besten Interventionen zu Verbesserung von Führungsqualität überhaupt zu sein.Nico Rose, Arbeit besser machen, Haufe-Lexware GmbH & Co. KG, Freiburg, 2019, Seite 172

Innere Energiewende in der Arbeit mit Menschen

Neben so schon bekannten Stichworten wie Respekt, Achtsamkeit, Sinn, Wohlfühlen auf Arbeit, Authentizität, psychologischem Kapital oder der Sinnlosigkeit leistungsbezogener Vergütungssysteme (Seite 147) geht er auch auf die menschliche Energie ein:

Herkömmliche Glühbirnen setzten nur etwa fünf Prozent der eingesetzten Energie in Licht um. Der Rest wird vergeudet. In vielen Unternehmen geschieht Ähnliches mit der menschlichen Energie.Nico Rose, Arbeit besser machen, Haufe-Lexware GmbH & Co. KG, Freiburg, 2019, Seite 202

Praktisch alle Ideen und Maßnahmen der Positiven Psychologie zielen auf das Energiesparen ab. Denn genau hier ist eine wesentliche Voraussetzung für Veränderung oft nicht gegeben! Jedes System, und da nehmen sich bestehende Unternehmen nicht aus, entwickeln sich tendenziell an den Rand ihrer Leistungsfähigkeit. Die Menschen haben oft keine Energiereserven für notwendige und sinnvolle Veränderungsarbeit, ob bei sich selbst oder innerhalb der Organisation. Work-Life-Balance ist da eben keine Lösung.

Warum Sie dieses Buch lesen und beherzigen sollten?

Die Effekte der Anwendung der Positiven Psychologie in Organisationen und Unternehmen sind vielfältig und messbar. Sie reichen von höherer Leistung, (mehr) Vertrauen, höherer Arbeitszufriedenheit und geringere Wechselabsichten (also Mitarbeiterbindung) bis zur Messbarkeit am Kapitalmarkt!

Nico Rose schreibt im letzten Abschnitt seines Buches davon, dass das Buch keines über die Zukunft der Arbeit sei, sondern die Situation heute darstellt. Hier möchte ich aus meiner Erfahrung ergänzen, dass es für viele kleine Unternehmen (KMU) sehr wohl Zukunftsmusik ist, das Unternehmen und die Organisation im Unternehmen an den Bedürfnissen der Menschen auszurichten. Es mag sein, dass es in vielen großen Strukturen ein immer größeres Bewusstsein für diese Notwendigkeit gibt, aber ob das heute schon Alltag ist, bezweifle ich tatsächlich sehr. Und ob die vielen gut gemeinten Arbeit4.0-, Agile- und NewWork-Aktivitäten dazu beitragen, muss sich auch erst erweisen. Ungeachtet dessen, ist jedem, der sich für die „großen Geheimnisse“ funktionierender Führung und Personalarbeit interessiert, dieses Buch wärmstens ans Herz gelegt.

Lesen und erfahren Sie mehr:

Hier schreibt der Unternehmensberater, Coach und Organisationsentwickler, mit viel Lust auf Marketing und Vertrieb. Ich bin auch Vortragsredner, Workshopleiter, Supervisor, Unternehmer seit 1991, Leipzig-, Eilenburg- und Berlin-Versteher sowie deutschsprachig weit unterwegs, von Herzen Nordsachse, Optimist in den meisten Fällen, Blogger, Fotograf, Trainer, auch Ausbilder für Autogenes Training – kurz: vielleicht auch dein Entwicklungsspezialist?
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