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Entrepreneurship – Gründen als Ausdruck persönlicher Potenziale


Glaubt man den Statistiken, dann ist das Gründungsgeschehen in Deutschland wieder auf den Stand der Aktivitäten vor der Corona-Krise gewachsen. Alles wieder in Ordnung, in dem so wichtigen Bereich in dem die zukünftigen Arbeitsplätze entstehen? Wie immer braucht es den differenzierten Blick, um die Lage wirklich klar einzuschätzen. Einerseits haben wir ein Bewusstsein in der Gesellschaft, dass Unternehmensgründungen von existenzieller Bedeutung für uns sind, andererseits stellt sich die Frage, welche Gründungen wir denn wirklich als wichtig erachten. Dem Ansatz des Entrepreneurship wird in diesem Dunstkreis leider wenig Beachtung zuteil. Obwohl es genau das wäre, was die Vielfalt der Zukunft der Unternehmenslandschaften befördern könnte.

Um eins gleich klarzustellen, die wichtigen Gründungen oder Startups aus der Sicht vieler in der Startupszene, und die Bandbreite reicht hier von der Politik, über die Medien zu den Gründern und Gründerinnen selbst, sind jene, die den TechGiganten dieser Welt Paroli bieten könn(t)en.

Start-ups sind junge innovative Unternehmen mit Wachstumsambitionen: Sie zeichnen sich durch ein innovatives Geschäftsmodell, ein innovatives Produkt oder eine innovative Dienstleistung aus.Bundesministerium für Wirtschaft und Klimaschutz (BMWK), Die Start-up-Strategie der Bundesregierung, Juli 2022, Seite 2

Welche Auswirkungen diese Sicht- und Handlungsweise, man könnte auch Ignoranz sagen, auf den Mittelstadt und kleine Unternehmen, gerade in der Region Nordsachsen, hat und weiterhin haben wird, kann sich jeder an fünf Fingern abzählen. Die Attraktivität, sich außerhalb der hippen und hofierten Startupszene selbständig zu machen, ist auf ein historisches Tief gesunken, und das auch schon weit vor Corona! Das betrifft zum Beispiel das Handwerk genauso wie kleine Unternehmen im Dienstleistungsbereich oder den Einzelhandel.
Eine ganz konkrete Auswirkung ist lange bekannt, es ist das in ganz Deutschland flächendeckende Nachfolgeproblem bei kleinen und mittelständischen Unternehmen. So rechnet die KfW mit weit über 400.000 Unternehmen, die bis 2025 nachfolgebedingt schließen werden.

Leuchttürme der Skalierung

Was ist systemrelevante Wirtschaft? Kaum jemand wird in Zweifel ziehen, dass zum Beispiel Unternehmen der Energiebranche oder kommunale Wasserversorger Einrichtungen sind, die für unser Überleben von existenzieller Bedeutung sind. Zahlreiche weitere Nennungen wären hier notwendig, würden aber den Rahmen des Artikels sprengen. Faktisch hat man in der „Hoch-Pandemiezeit“ systemrelevante Unternehmen von anderen dadurch getrennt, dass man das Anbieten vieler selbstverständlicher Produkte oder (Dienst-)Leistungen über Nacht verboten hat. Dazu zählten unter anderem Frisöre genauso, wie Unternehmensberatungen (zumindest in Sachsen). Doch ist es wirklich so einfach?

Leuchtturm der Skalierung

Der Spaßfaktor ist in der Startupszene nicht hoch genug einzuschätzen. Das Bild vom coolen Arbeiten im hippen Coworkingspace im angesagtesten Viertel einer gerade besonders angesagten großen Stadt hat sich in den letzten Jahren so sehr verfestigt, dass eine andere Idee von Gründen kaum (noch) vorstellbar ist. Wie sieht aber die Realität aus? Real ist es so, dass die Mehrheit von Existenzgründen hier zum Beispiel in Sachsen in der Sichtweise der Startupszene gar keine Startups sind. Nur eine sehr geringe Zahl von Gründungen wird in einer Studie, die kürzlich vom sächsischen Wirtschaftsministerium veröffentlicht wurde, zu den innovativen Unternehmen und damit als Startup gezählt (Studie zum Gründungsstandort Sachsen, Abschlussbericht, im Auftrag des Staatsministeriums für Wirtschaft, Arbeit und Verkehr, März 2022). Dem Bereich der als nichtinnovative Gründungen gesehen wird, immerhin sind das im Jahr 2019 über 14.500 Gründungen im Freistaat, stehen rund 900 als (innovative) Startups betrachtete Existenzgründungen gegenüber. Von diesen 900 innovativen neuen Unternehmen sind 80 Prozent der ITK-Branche zuzuordnen, die im überwiegenden Anteil ihrer Geschäftsmodelle (neue) Dienstleistungen erbringen (wollen), die zum Beispiel auf KI basieren oder schlicht Algorithmen nutzen, um Profile von Angebot und Nachfrage (besser) zueinander zu bringen. Ein großer Teiler dieser Startups ist zudem ausschließlich auf den B2B-Sektor konzentriert, das heißt konkret: Nur Bestandsunternehmen sind die Zielgruppe dieser Startups.

Rund 266.000 mittelständische Unternehmerinnen und Unternehmer planen, ihre Unternehmen bis zum Ende des Jahres 2025 stillzulegen, anstatt den Weg einer Nachfolge zu beschreiten. Dies entspricht etwa 7 Prozent des Mittelstands. Dabei handelt es sich fast durchweg (97 Prozent) um Kleinstunternehmen mit weniger als fünf Beschäftigten. Laut dem jüngsten KfW-Nachfolge-Monitoring Mittelstand wünschen sich weitere rund 199.000 Unternehmerinnen und Unternehmer eine Nachfolgelösung, müssen aber aufgrund unzureichender Planung vermutlich mit einem Scheitern rechnen. Damit ist insgesamt von ca. 465.000 Unternehmen im Mittelstand auszugehen, die teils geplant, teils ungeplant bis Ende des Jahres 2025 ihre Geschäftstätigkeiten einstellen werden. Die Anzahl der Stilllegungen übersteigt damit die Anzahl der wahrscheinlich umgesetzten Nachfolgelösungen von etwa 400.000 im gleichen Zeitraum. Aus der Presseerklärung der KfW vom 13.07.2022

Es steht außer Frage, dass diese Unternehmensgründungen ja nicht nur gewollt sind, sondern auch gefördert werden sollten! Es kann aber nicht sein, dass wir mit diesem engen Blick auf vornehmlich nur innovative Unternehmen die große Masse der Gründer schlicht ignorieren! Die bloße Orientierung am Ziel der Skalierung von Gründern und Gründerinnen macht dieses Berufsfeld so eindimensional, dass junge Menschen kaum noch auf die Idee kommen das Risiko einer „normalen“ Gründung auf sich zu nehmen. Klar muss sein, dass auch morgen der Handwerkerroboter noch ein sehr weit entferntes KI- und Robotik-Ziel ist und auch das Brötchen, das vom Bäcker um die Ecke kommt, nicht wirklich sinnvoll Teil der „Teilen-ist-jetzt-die-bessere-Ökonomie“ sein kann!

Entrepreneurship Netzwerk Eilenburg – Vielfalt ist genauso wichtig wie Größe!

Eine Zahl hat sich übrigens seit Jahrzehnten nicht besonders verändert, die Anzahl der Unternehmen, die neu gegründet werden und längere Zeit überleben oder dann als Bestandsunternehmen (und somit als „richtige“ Unternehmen) gelten, ist seit eh und je sehr überschaubar, um nicht zu sagen sehr gering.

Entrepreneurship – Gründen als Ausdruck persönlicher Potenziale

Seit langem wird diskutiert, ob es den geborenen Gründer oder die geborene Gründerin gibt. Mit ein wenig Einblick in die Persönlichkeitspsychologie, der Erfahrung als Unternehmensberater seit über 30 Jahren und etwas Literaturrecherche kann man das gutes Gewissens verneinen.

Man kann es nicht oft genug betonen: Es gibt keine vorgegebenen Charaktereigenschaften eines Gründers, die Vorhersagen für seinen wirtschaftlichen Erfolg zulassen. … Dieser Sachverhalt lässt die Schlussfolgerung zu, dass weit mehr Personen als Gründer in Frage kommen, als man gemeinhin glaubt. Günter Faltin, Kopf schlägt Kapital, Carl Hanser Verlag, München, 2008, Seite 179

Wenn es aber so ist, dass viel mehr Menschen das Zeug zum erfolgreichen Gründen hätten, warum nutzen wir dieses tolle Potenzial nicht? Möglicherweise liegt das an den Gründen, die oben schon beschrieben sind. Ganz sicher liegt es aber auch daran, dass hier bei uns im Land das Berufsbild eines Unternehmers schlicht als kaum attraktiv wahrgenommen wird.

Kann es gelingen, der Frage „Was soll ich später mal werden?“, die Frage „Was kann ich später mal gründen? in Lebens- und Karriereplanungen gleichberechtigt daneben zu stellen? Sven Lehmann, Initiator Entrepreneurship Netzwerk Eilenburg

Dass das aus zahlreichen Gründen heute nicht der Fall ist, sollte nicht davon abhalten, daran zu arbeiten, Selbständigkeit als eine selbstverständliche Möglichkeit der Lebensplanung zu sehen. Auch und offensichtlich gerade die Art von Selbständigkeit, bei der es eben nicht um ein skalierbares Geschäftsmodell geht.

Zum Gründen einen weiten Horizont in den Blick nehmen – Entrepreneurship Netzwerk Eilenburg

Entrepreneurship in Eilenburg – Netzwerk zur Förderung jeglicher Gründungsvorhaben

Wenn man zu den obigen Betrachtungen noch die Perspektive aus einer Kleinstadt dazu nimmt, wenngleich natürlich auch einer Weltkleinstadt, so wird das Thema des erfolgreichen Gründens von Unternehmen immer unwahrscheinlicher. In Eilenburg gibt es so etwas wie eine Startupszene nicht mehr oder eben noch nicht. Es gibt zahlreiche Anstrengungen seitens der Stadt wie auch vom Tourismus- und Gewerbeverein Eilenburg e. V., daran etwas zu ändern. So ist im letzten Jahr an der Idee, einen Coworkingspace in Eilenburg zu etablieren, gearbeitet worden. In diesem Jahr wird das Vorhaben weiter verfolgt, um die bisherigen Gründe abzubauen, die die Umsetzung dieser Idee verhindert haben. Ein Baustein dazu ist die Initiierung eines Entrepreneurship Netzwerkes Eilenburg, das auch die Region mit einbezieht.

Persönliche Potenziale entscheiden – ja und nein!

Doch zurück zum Thema Gründen als Ausdruck persönlicher Potenziale. Es steht also fest, es gibt keine besonderen persönlichen Eigenschaften, um als Unternehmer wirtschaftlich erfolgreich zu sein. Es ist aber mit der Perspektive auf persönliches Potenzial auch klar, dass Individualität, persönliche Interessen, Stärken, Hobbys oder vielleicht von außen auch wie Verrücktheiten wirkende Charaktereigenschaften, sehr wohl eine gute Grundlage für eine Unternehmensgründung im persönlichen Interessens- und Stärkenbereich sein können. Jemand der sich für nichts oder wenig im Leben interessiert, der wird es sehr schwer haben, ein Unternehmen zu gründen und geschweige es erfolgreich zu führen.

Wer neu anfangen will, soll es sofort tun, denn eine überwundene Schwierigkeit vermeidet hundert neue. … Wenn du das tust, was du gern tust, musst du dein Leben lang nicht arbeiten.Konfuzius, 551-479 v. Christus

Mit einem Blick in die Philosophie könnte man darin sogar den oder zumindest einen Schlüssel zum Glück sehen, wenn man täglich nur das tut, was man wirklich gern und gut tut!

In unserem Alltag die Idee des Gründens als einen selbstverständlichen Teil von Lebensplanung zu sehen, der der Entfaltung von Potenzialen oder Talenten Raum gibt, die aber nicht vordergründig über den wirtschaftlichen Erfolg einer Unternehmensgründung im Allgemeinen entscheiden, das muss ein Ziel bei der Förderung von Gründungen grundsätzlich und natürlich auch beim Gründen in einer Kleinstadt sein.Sven Lehmann, Initiator Entrepreneurship Netzwerk Eilenburg

Ein in diesem Zusammenhang vielleicht etwas merkwürdig anmutendes Zitat:

Die Sesamstraße hat keinen früheren Markt für frühkindliche Bildung gestört. Sie hat keine Vorschulen und Büchereien zerstört oder Eltern verdrängt, die ihren Kindern eine Gute-Nacht-Geschichte vorlesen. Viel eher hat die Sesamstraße eine neue Kosten-Nutzen-Grenze geöffnet, die den neuen Markt des Vorschul-Edutainment freilegte, der zum größten Teil vorher gar nicht existiert hat. Im Gegensatz zu „disruptiver Schaffung“ ist die Sesamstraße das Ergebnis dessen, was wir „nicht-disruptive Schaffung“ nennen, da sie einen neuen Marktraum geschaffen hat, ohne einen bestehenden zu unterbrechen.Kim und Mauborgne, Blue Ocean Shift, Verlag Franz Vahlen, München, 2018, Seite 27

… soll den Fokus des Gründens oder eben von Entrepreneurship zusätzlich erweitern.

Echte Innovation – ja oder nein?

Es ist absolut keine Kunst, mit Hilfe von digitaler Technologie oder auch KI sowie genügend eingeworbenem Fremdkapital, sich als grandioser Marktvermittler aufzuspielen, und so Kommunikationsströme für seine Zwecke umzuleiten.

Das ist mit dem Aufkommen von Plattformen im Web X.0 überdeutlich geworden. Hier seien als Beispiele genannt:

  • die eklatante Vernachlässigung von Marketing und Kundenkommunikation von der Beherbergungsbranche, incl. großer Hotelketten, die heute einen großen Teil ihres Geschäftes über Buchungsplattformen abwickeln (müssen) und
  • mobile Anwendungen, hier sei auf eine „Superapp“ verwiesen, die das Rufen eines Taxis überflüssig macht.

Das ist disruptiv, das ist für die Gründer erfolgreich, das ist für die vorher bestandenen Märkte und der Akteure in ihnen zum Teil existenziell bedrohlich. Unsere Gesellschaft tut das gern als „so ist´s im Markt halt“ ab, die Politik hat die Plattform-Ökonomie in den letzten Jahren als zu fördernde Branche eingestuft. Aber das soll hier nicht weiter diskutiert werden.

Nichts Neues – wirklich gar nichts Neues!

Vielmehr geht es darum, dass diese Art von Gründung absolut keine Innovationen darstellen, sondern ausschließlich den Technikvorsprung ausnutzen, um Märkte oder die Kommunikation in Märkten zu kontrollieren, so den Ton anzugeben und respektive so sein eigenes, scheinbar nun innovatives, Geschäftsmodell erfolgreich umsetzen zu können. So entsteht kein neuer Markt, sondern es drängt sich „disruptiv“ ein neuer Supervermittler in einen Bestandsmarkt und saugt diesen wie ein Parasit aus. Kein neues Bedürfnis wurde geweckt – absolut keine Innovation in Sicht! Es wird nichts Neues geschaffen – Ende.

Wer dazu noch einen kleinen Impuls zum Nachdenken braucht:

Das Silicon Valley hat den Hang dazu, revolutionär zu sein, ohne irgendetwas zu revolutionierenAdrian Daub, Was das Valley denken nennt, Surkamp Verlag Berlin, zweite Auflage 2021, Seite 61

Das Buch ist übrigens nicht nur für Philosophen geeignet und sollte Standardliteratur in Gründungsseminaren sein … ein Wunschtraum!

Diese Beispiele kann man jetzt gut oder schlecht finden, das soll hier nicht der Punkt sein – es geht einfach darum, das Gründen eben auch ganz anders geht. Entrepreneurship ist eine Möglichkeit die (oft auch persönlichen) Potenziale zu heben, um anders zu gründen, gerade auch in einer kleinen Stadt.

Zeit für Veränderungen – Zeit zum Gründen!

Also dann – Entrepreneurship natürlich in der Weltkleinstadt

Entrepreneurship ist nicht die Lösung aller Probleme unserer Wirtschaft oder gar unseres Lebens allgemein, es ist aber sowohl von der Haltung, der Herangehensweise als auch beim eigentlichen Gründen eine erweiterte Art, um wirklich neue Märkte zu schaffen.
Es gibt kaum Gründe, warum diese neuen Unternehmen und Märkte nicht auch von einer Kleinstadt aus erschlossen werden können. Genau darum geht es dem Entrepreneurship Netzwerk Eilenburg!

Gemeinsam Raum und Gelegenheit schaffen, sinnvolles Neues zu schaffen und andere genau dabei zu unterstützen, das zu tun, das ist das Ziel. Wenn Sie Teil des Entrepreneurship Netzwerk Eilenburg werden wollen, dann freue ich über Ihre Nachricht!

Gründen in Eilenburg – Entrepreneurship vielleicht bald im ehemaligen ECW-Verwaltungsgebäude?

Die Initiierung des Entrepreneurship Netzwerkes Eilenburg wird auch aus Mitteln eines Preisgeldes des simul+Mitmachfonds im Modul ReWIR des Sächsischen Staatsministeriums für Regionalentwicklung unterstützt.

Logo simul+Mitmachfonds

Lesen und erfahren Sie mehr zum Thema Entrepreneurship:

… und zum Thema auch sehr wichtig:

Hier schreibt der Unternehmensberater, Coach und Organisationsentwickler, mit viel Lust auf Marketing und Vertrieb. Ich bin auch Vortragsredner, Workshopleiter, Supervisor, Unternehmer seit 1991, Leipzig-, Eilenburg- und Berlin-Versteher sowie deutschsprachig weit unterwegs, von Herzen Nordsachse, Optimist in den meisten Fällen, Blogger, Fotograf, Trainer, auch Ausbilder für Autogenes Training – kurz: vielleicht auch dein Entwicklungsspezialist?
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