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Moderne Innovation und ihre Verortung

Wo sind Innovationen zuhause? Im hippen Coworkingspace des angesagtesten Viertels der angesagtesten Stadt? Zwischen mir und dem Kaffee Latte in besagtem Coworkingspace? Bei meinen Kunden? oder doch ganz wo anders? Die Frage scheint banal, dennoch, viele sind fest in dem Glauben, es gibt klare Favoriten, wenn es um die Verortung moderner Innovationen geht. Diese Verortung gewinnt Preise, Preise voller Vorschusslorbeeren und eimerweise erwartungsvolle Aufmerksamkeit. Moderne Innovation und ihre Verortung – ein Versuch.

Das goldene Kalb des Neuen, das nicht gleich von allen abgelehnt wird, nennen wir heute die INNOVATION. Der Begriff Innovation ist so modern, wie seine wirkliche geografische oder lokale Verortung. Früher rankten sich um Erfinder oder Erfinderinnen ganze Mythen, zu Lebzeiten und natürlich noch mehr danach. Heute ranken sich Mythen um kreative Orte. Sie produzieren sich täglich neu, in all der Projektionen ihrer Besucher, deren hoffnungsvollen Visionen hehrer Lebensverbesserungsmentalität, gemischt mit einer smart-mythischen Aura, die nur mit den gehörten Erfolgen früherer Akteure an diesen Orten erklärbar ist. Die Halbwertszeit dieser kreativen Orte recht lange nicht an die Geschichten der Begründer früherer Erfindungen heran.

Große Strukturen, große Städte, große Unternehmen, fette Umsätze vs. das GEHIRN

Wie wenig fette Umsätze tragfähige Geschäftsmodelle widerspiegeln, das lernt der moderne Mensch nicht erst seit gestern. Die Gier nach fetten Umsatz überstrahlt nicht selten den gesunden Menschenverstand. Beliebig angefangen bei der Bankenkrise, über fett geschriebene Umsätze bei Zahlungsdienstleistern, die es nie gab, bis hin zu fetten Verlusten im Immobiliensektor ganz aktueller Natur, die fetten Jahre sind noch lange nicht vorbei, auch wenn mancher Sozialromantiker das gern so sehen möchte. Es stellt sich nicht selten die Frage, für wen beginnen sie tatsächlich erst heute?!

Ich nutze seit Jahren einen Gedanken von Friedrich Nietzsche, der schon im 19. Jahrhundert klar herausgearbeitet hat, dass alles was groß und fertig scheint, ein Begaffungspotenzial unermesslichen Ausmaßes innewohnt, dass von vernünftigen Menschen nicht angegriffen werden kann. Zu hell ist der anscheinende Nimbus dieser Größe. Oft sitzt danach der Schock über gelungene Täuschung sehr tief.

Wie wichtig Größte im internationalen Vergleich gesehen wird, zeigt, unter vielen anderen Beispielen, die Milliardeninvestition der öffentlichen Hand in die Bundesagentur für Sprunginnovationen. Wer dort auf die Karriereseite klickt, findet den Wahlspruch der Größenverehrer:

Wir haben große Ziele. Lust mitzukommen?Bundesagentur für Sprunginnovationen, sprind.org/de/jobs/, abgerufen März 2024

Es ist bis heute so, dass die deutsche Wirtschaft eine durch und durch vom Mittelstand geprägte Struktur aufweist und von diesem getragen wird. In der Leipziger Region ist diese Struktur besonders kleinteilig. Selbstverständlich braucht es den globalen Blick und Unternehmen, die diesen Blick in die Welt auch sinnvoll mit großen Strukturen hinterlegen können. Innovationen sind in solchen unternehmerischen Strukturen auf jeden Fall zuhause! Aber eben nicht nur dort.

Kreativität und Innovationsfähigkeit – Gehirn

Doch die Kernfrage lautet anders: Was braucht das Gehirn, was brauchen wir Menschen, um kreativ zu sein?

Nicht nur unter Unternehmensberatern ist lange bekannt, Brainstorming mit vielen Teilnehmern funktioniert zur Produktion zahlreicher Ideen, zur Entwicklung einer Innovation so gut wie überhaupt nicht.

Wie wichtig ist beim Kreieren der Austausch auf Augenhöhe? Im Design Thinking, einer Methode bei der, durchaus zufällig zusammengestellte, Gruppen an der Innovationsfähigkeit von Ideen arbeiten, ist Augenhöhe die Grundvoraussetzung. An einem Ort wie einem Coworkingspace ist die Wahrscheinlichkeit, dass ein solcher Austausch auf Augenhöhe stattfinden kann, sehr hoch.

Doch wo vermuten wir einen solchen Ort, einen solchen Coworkingspace – eine solche Gruppe, die Augenhöhe zulässt? Ganz klar, eigentlich nur im zuletzt eröffneten, smarten, hippen, coolen oder mit anderen, aus der jeweils aktuellen Jungendsprache herübergeretteten, Attributen für solche Lokalitäten moderner Welten.

Viele vermuten Innovationen in der Anhäufung von Wissen, Universitäten oder Hochschulen sind darin Meister. Vielfach genügt es hier auch da gewesen zu sein, um die innovationsfreudige Aura vor sich her zu tragen.

Wissensspeicher als eine Voraussetzung für Innovationen und Kreativität

Es wird Zeit, sich dieser verheißungsvollen Hülle Innovation genauer zu nähern.

Was sind Innovationen?

Unter Innovationen versteht man die Entwicklung, Einführung und Anwendung neuer Ideen, Prozesse, Produkte oder Vorgehensweisen, von denen Einzelne, Gruppen oder ganze Organisationen profitieren sollen.Lexikon der Psychologie, Spektrum Akademischer Verlag Heidelberg, Band 2, 2001, Seite 264

Nun im besten Fall profitiert die gesamte Gesellschaft von einer Innovation, was aber wieder sehr romantisch gewünscht daher kommt. Die Arten und Anlässe, bei denen wir entweder Innovationen begegnen oder diese selbst schaffen, sind meinst auf unser tägliches (Er-)Leben bezogen.

Innovation können unterschiedlich betrachtet werden:

systemisch

  • technisch, meist digital in der heutigen Zeit
  • administrativ, prozessbezogen
  • randbezogen

nach der Art der Innovation

  • oft lange vorausgeplant
  • kaum oder nicht vorausgeplant
  • Innovationen, die Teil anderer (größerer) Innovationen sind
  • ultimative, auf einen klaren Zweck angestrengte Neuerungen
  • sehr radikale Innovationen

der Quelle der Innovation

  • selbst entwickelt
  • angepasst
  • auferlegt

Die meisten technischen Innovationen sind ihrer Quelle nach von außen auferlegt. Wenige Betaversions- oder Prototypennutzer haben von jemanden anders entwickelte Ideen angepasst und derjenige hat sie dann auf den Markt gebracht. Die Vielzahl neuer technischer Produkte oder Lösungen bringt es mit sich, dass fast jeder von uns Innovationen auferlegt bekommt, ob man das nun will oder nicht. Gesetzliche Neuerungen sind für fast alle von außen auferlegt.

entsprechend des Innovationsprozess

  • Agenda
  • Visionen
  • Kreative Arbeit
  • testweise Einführung, Prototypenentwicklung
  • Ergebnis und Evaluation

Der Managementregelkreis, Agilität oder Scrum lassen grüßen.
Sich gegenseitig beim Innovationsprozess im positiven Sinn überwachen, nichts anderes ist Scrum!

und von Einflussfaktoren auf die Innovationswahrscheinlichkeit

  • kreative Menschen und/oder Gruppen, die interagieren
  • kreative Orte
  • Systemmerkmale, die Innovationen fördern oder verhindern können

Die Frage bei Innovationen ist aber die Frage nach der tatsächlichen Neuheit des angeblich Neuen. Wer würde denn nicht auf die Idee kommen, einem Taxiunternehmen, dass keine eigenen Taxis mehr hat und nur noch die super skalierbare Matchingplattform kontrollieren muss, auf jeden FALL ein hoch innovatives Produkt oder Dienstleistung zu bescheinigen? Was aber in Wirklichkeit überhaupt nichts Neues ist.

Innovationsdichte

Offensichtlich vermutet man Innovationsdichte schlicht in hohen Interaktions- und Kommunikationsraten, bei Besuchen von Vorträgen, Fuckup-Nächten oder teuren Webinaren – doch mal ganz ehrlich gefragt: Sieht man tatsächlich an den Orten mit der vermutet hohen Innovationsdichte das Entstehen von Neuem, und kann davon lernen wie Innovation geht, oder wird hier nicht vielmehr das neu Entstandene erstmals präsentiert? Die tatsächliche Arbeit vom ersten Gefühl der hilfreichen Veränderung, über die Idee, die Recherche, die Tiefengespräche, die vielen Umwege, bis zur Innovation, wie bekommt man diese denn mit?

Innovation – Vorbild Natur

Innovation – wie bitte? was bitte? Ach nö doch nicht!

Die Innovationsfeiern und ihre glorreichen Abgesänge gleichen Konzertevents, bei denen der jeweils Außenstehende nicht versteht, warum der eine bei Klassik in höchste innere Verzückung gerät und der andere ekstatischen Körperausdrücken den Vorzug gibt. Mehr als ständige Bewunderung für die kreativen Geister, die mich bei meinem Kaffee-Latte-Genuss smart begleiten, bleibt doch kaum übrig, wenn wir alle auf dem Innovationslaufsteg posieren. Innovierend leben – Dasein als ständige Neuproduktion.

Moderne Innovationsverortung, die Art der Innovation

Wenn wir uns schon fragen, wo die Innovation wohnt, lohnt sich der Blick darauf, was denn so alles innovativ sein kann. Die Technik- und Fortschrittsgläubigkeit seit über 200 Jahren lenkt den Fokus zu sehr auf innovative technische Lösungen. Allen voran im Bereich der digitalen Lösungen, seien es Apps, Software oder tolle Algorithmen. Zu wenig wird die Frage bewirtschaftet, was könnten soziale Innovationen sein, was könnten Innovationen bei der Art auf unseren Planeten zu leben sein?

Wie innovativ kann es sein, mal nicht innovativ zu sein?!

Die Fähigkeit zu wirklich Neuen!

Evolution, Revolution, Radikalität – Neues entsteht täglich. Ob wir das wollen, bewusst befördern oder verhindern. Wesentlich dabei ist allerdings die Fähigkeit zu wirklich Neuem zu kommen. Auch muss sich der, der sich um Neues bemüht, die Frage gefallen lassen, was denn der Nutzen des angestrebten Neuen ist. Auf unserem Planeten sind nicht nur die planetaren Ressourcen begrenzt, die menschliche Aufmerksamkeit zum Beispiel ist es auch und wird, gefühlt zumindest, immer weniger.

Innovationsklima

Wir kommen wieder zurück zum Ort oder besser zur Organisation. Im „Beratersprech“ wird vom Innovationsklima gesprochen. Eine Eigenart eines Systems, die auf einen Teilbereich der Unternehmens- oder Organisationskultur abzielt. Diese besondere Kultur, offen zu sein für eine Art und Weise, noch nicht Vorhandenes zu denken, zu besprechen, zu visualisieren … kennzeichnet in erster Linie Menschen, aber eben auch Orte, an denen diese Menschen sich gern aufhalten.

Der innovative Ort, in einer reiz- und informationsüberfluteten Welt

Ein Coworkingspace als Innovationsinsel in der Pampa ist in der Tat herausragender als ein Coworkingspace als Ort der Innovation unter 100 weiteren innovativen Orten in unmittelbarer Umgebung! Insofern kann man klar einen Punktsieg für den Coworkingspace in der Kleinstadt verbuchen. Okay – Scherz bei Seite, aber: wir haben nun gesehen, dass Innovationen relativ ortsunabhängig gelingen können. Sie sind so vielfältig möglich, dass die Verortung eher im Prozess des Lebens oder in der andauernden Auseinandersetzung mit einem Problem oder einer Sache an sich gelingt. Unter dem Aspekt stellt die heute allgemeine, oft nutzlose, Fülle an Informationen und Ablenkungen ein klares Innovationshemmnis dar.

Fortschritt – Innovation

Zum Schluss ein Exkurs ins Reich der Philosophie sowie der Psychologie. Wer anders könnte beim Begriff der Innovation hilfreich sein, als Ernst Bloch, auch wenn er lieber das Wort Fortschritt benutze, der viel umfassender ist und auch sehr kritisch gesehen werden kann.

Denken muss wo beginnen. Dies Wo hat gewechselt, zuweilen wurde mittendrin angesetzt, recht voll bereits, auch von oben herab. Aber ein Denken, das weit zu gehen hat und worin sich etwas entwickelt, setzt klein an, scheinbar wenigstens, und gering. Das, womit angefangen wird, muss wachsen können. Nur von unten hebt sichs an. Erst Bloch, Tübinger Einleitung in die Philosophie

Innovationen werden heute praktisch nur positiv bewertet. Hier hat sich eine Entwicklung vollzogen, dass vom guten Glauben an den guten Fortschritt für eine Gesellschaft oder die Menschheit insgesamt, zum unbedingten Glauben an das Gute in allen Innovationen geworden ist. Es praktisch keine Frage im Alltag von Unternehmen oder der heutigen Gesellschaft erkennbar, ob das permanente Neuentwickeln tatsächlich gut ist. Junge Leute kleben sich zur Klimarettung auf die Straße, finden es aber völlig normal Einfamilienhäuser zu erstreben oder in den Urlaub zu fliegen.

Der eigentliche Grund des vermeintlich immer Neuen ist Langeweile!

Innovation vs. Langeweile und Kontinuität

Der moderne Mensch lässt sich merkwürdigerweise zu gern ablenken. Und zwar von allem, was er als bekannt klassifiziert. In aller erster Linie von sich selbst, im zweiten Schritt von der meist ach so belastenden dauerhaften Erwerbsarbeit und im dritten Schritt von seinen ängstigenden Gedanken des Tages und der Nacht. Alles, was da als nicht normal wahrgenommen wird, ist willkommene Ablenkung, sofern es nicht als egal eingestuft oder gleich ganz abgelehnt wird.

Innovation – das Neue im Leben

Innovation wo?

Es fehlt die flächendeckende Befähigung zur Innovationsproduktion! Gestaltung des Lebens, aber auch des Lebens auf Arbeit, wird zu sehr als Privatsache gesehen und nicht als der agierende Menschen, 24 Stunden am Tag und 365 Tage im Jahr. Kreative Orte, an denen Ideen und Innovationen entstehen (sollen), gibt es so viele in Deutschland, dass man sich fragt, wo die großen Ideen umgesetzt werden? In der Schule und leider seit einigen Jahren auch im Studium, lernen wir einer Norm zu genügen, nicht selbstständig zu denken und zu handeln.

Die Fähigkeit, Neues zu schöpfen ist ein so seltenes Gut geworden, dass wir sehr gut daran tun, auch außerhalb von Orten, an denen wir die Entstehung einer kritischen (Innovations-)Masse vermuten, Innovationen zu fördern.

Wenn das Neue im Menschsein angelegt ist, dann kreieren zu wenige Neues! Zu schnell werden Autobahnen der gefundenen „ersten praktikablen“ Lösung betoniert, institutionalisiert und systemisch gesichert. Alle danach entstehenden Ideen werden nicht mehr als dazugehörig klassifizieren und nicht selten sogar bekämpft. Das gemeinsame Lernen, kreativ zu sein, hat methodische Komponenten; aber ganz sicher braucht es eine Kultur der Offenheit, aus diesem meist als „Spinnen“ wahrgenommenen Prozessen, Innovationen werden zu lassen. Diesen Raum zu schaffen, offen zu halten und Menschen mit ihren Ideen einen erste Resonanzfähigkeit zu bieten, diese ART von RAUM kann an jeder Straßenecke entstehen … Hier gemeinsam zu lernen und zu experimentieren, das gelingt auch in einer Kleinstadt oder einer kleinen Struktur.

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Hier schreibt der Unternehmensberater, Coach und Organisationsentwickler, mit viel Lust auf Marketing und Vertrieb. Ich bin auch Vortragsredner, Workshopleiter, Supervisor, Unternehmer seit 1991, Leipzig-, Eilenburg- und Berlin-Versteher sowie deutschsprachig weit unterwegs, von Herzen Nordsachse, Optimist in den meisten Fällen, Blogger, Fotograf, Trainer, auch Ausbilder für Autogenes Training – kurz: vielleicht auch dein Entwicklungsspezialist?
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