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Kollektives Gedächtnis – kollektives Vergessen?

Kollektives Gedächtnis – kollektives Vergessen? Was hat es mit dem kollektiven Gedächtnis auf sich? Vergisst die Menschheit zunehmend ihre eigene Vergangenheit? Bleiben Erinnerungen an Ereignisse der Vergangenheit erhalten, oder gehen sie, aus welchen Gründen auch immer, nach gewisser Zeit wieder verloren? Eine Gruppe von Wissenschaftlern aus Cambridge hat ein Werkzeug entwickelt, mit dem versucht wird, derartige Fragen mathematisch zu analysieren.

Der Begriff des kollektiven Gedächtnisses wurde von dem französischen Philosophen und Soziologen Maurice Halbwachs in den 20er Jahren eingeführt und wird inzwischen wieder häufig als analytische Kategorie verwendet, wie zum Beispiel in der Geschichts- und Sprachwissenschaft. Kollektives Gedächtnis bedeutet Weitergabe von Erfahrungen, Traditionen und Erinnerungen an Geschehnisse der Vergangenheit. Je nach Art und Weise der Überlieferung werden verschiedene Aspekte unterschieden.

Beim kommunikativen Gedächtnis werden Erfahrungen und Traditionen von Mensch zu Mensch mündlich weitergegeben. Das gelingt in unveränderter Form meist nur über wenige Generationen; es bleibt nicht aus, dass sich Überliefertes verändert, angepasst wird oder auch wieder verloren geht.

Unter dem kulturellen Gedächtnis versteht man hingegen Konservierung von Informationen in Form von Schriften, Bildern o.ä. Sofern die Informationsträger erhalten bleiben, gehen auch die aufgezeichneten Informationen nicht verloren. Bibliotheken können Schatzkammern der Vergangenheit sein, aber auch Bilder und andere Kunstwerke, sofern man sie zu lesen und zu deuten versteht. Und es gibt auch Institutionen, die über Jahrhunderte oder sogar Jahrtausende hinweg Wissen akribisch gesammelt und aufbewahrt haben wie Kirchen, Universitäten oder Archive (institutionelles Gedächtnis).

Die Online-Suchmaschine „Culturomics“

Das Online-Portal Google hat mittlerweile einen Bestand von ca. 15 Millionen gescannten Büchern; das entspricht einem geschätzten Anteil von 12 Prozent des gesamten Bücherbestandes der Menschheit. Die im Dezember 2010 erstmals präsentierte Online-Suchmaschine „Culturomics“ greift auf ca. 5 Millionen ausgewählte Bücher in 7 Sprachen zurück (Englisch, Französisch, Spanisch, Deutsch, Chinesisch, Russisch, Hebräisch), 72% davon sind in englischer Sprache verfasst. Angezeigt wird die Häufigkeit des Auftretens der gesuchten Stichworte in Büchern der vergangenen 500 Jahre. Culturomics wird vor allem für Geschichtsrecherchen empfohlen, liefert aber auch bereits Daten für wissenschaftliche Untersuchungen, wie in der Fachzeitschrift „Science“ berichtet wird.

Culturomics wird zum Beispiel in der Sprachforschung mit Erfolg angewendet. Die Forscher um Jean-Baptiste Michel beschäftigten sich mit der Analyse linguistischer Veränderungen und der kulturellen Aspekte, die diese Veränderungen beeinflussen. So fanden sie heraus, dass der englische Wortschatz jährlich um 8500 Wörter wächst; das bedeutet, dass es im Jahr 2000 70% mehr englische Wörter gab als 1950. Ein Großteil der neuen Wörter (52%) taucht allerdings nie in einem Wörterbuch auf.

Bücher tragen entscheidend zur Entwicklung und Ausbreitung des technischen Fortschritts bei. Mit Culturomics konnte gezeigt werden, dass sich Innovationen im Jahr 1900 doppelt so schnell verbreiteten wie noch hundert Jahre zuvor.

Es scheint aber auch, dass Dinge in der Gesellschaft wieder in Vergessenheit geraten, genau so wie Menschen Ereignisse aus ihrer persönlichen Vergangenheit vergessen. So halbierte sich die Zahl der Rückverweise auf Geschehnisse aus dem Jahr 1880 innerhalb von 32 Jahren, während sich die Zahl der Rückverweise auf das Jahr 1973 bereits in 10 Jahren halbiert hatte. Dieser Fakt an sich ist nicht so überraschend; Informationen aus der Vergangenheit unterliegen einem natürlichen Selektionsprozess, manches hat Bestand, anderes verliert schnell wieder an Aktualität. Und der beständige Zuwachs an Informationen ist immens.

Es ist nicht zu übersehen, dass Modeerscheinungen, aber auch Propaganda und Zensur dazu beitragen, ob Informationen in das kollektive Gedächtnis dauerhaft Eingang finden oder nicht. So wurde der jüdische Künstler Marc Chagall in deutschen Büchern zwischen 1936 und 1944 nur ein einziges Mal erwähnt trotz seiner steigenden Bekanntheit außerhalb Deutschlands.

Schlussfolgerungen

Die Ergebnisse der Culturomics-Analyse sind ohne Zweifel interessant, gerade im Bereich der Sprachentwicklung. Repräsentativ in Bezug auf das kollektive Gedächtnis in seiner Gesamtheit sind sie wohl kaum, und manche Ergebnisse werden nur eingeschränkt und nicht allgemein interpretierbar sein. Culturomics greift auf ein Drittel der von Google digitalisierten Bücherbestände zurück, das wäre ein geschätzter Anteil von 4% des gesamten Bücherbestandes der Menschheit. Ob in den digitalisierten Bücherbeständen alle vorangegangenen Epochen repräsentativ vertreten sind, ist nicht bekannt. Und die Auswahl ist schon selektiv – wenn 72% der durchforsteten Bücher in englischer Sprache verfasst sind…

Vielleicht kann man es so ausdrücken: die „aktive Ebene“ des kollektiven Gedächtnisses mag sich verändern; Informationen gehen aber nicht verloren, sondern gelangen in tiefere Ebenen des kollektiven Gedächtnisses, in denen sie nicht mehr so schnell zugänglich sind. Eine „kollektive Demenz“ ist wohl eher nicht zu befürchten. Das kollektive Gedächtnis als Ganzes bleibt in Umfang und Tiefe erhalten und wird weiter anwachsen. Was man aus diesem Pool zu Tage fördern kann, hängt wohl auch von der Herangehensweise ab. Online-Recherchen mit leistungsfähigen Tools können da sehr hilfreich und vor allem schnell sein – sofern die Quellen online verfügbar sind! Den Griff zum Buch und den Gang in die Bibliothek werden sie auch künftig nicht ersetzen können.

Online-Suchmaschine „Culturomics“: www.culturomics.org

Michel, Jean-Baptiste et al.: Quantitative Analysis of Culture Using Millions of Digitized Books.-
Research Article. www.sciencexpress.org 16.12.2010.

Hier schreibt der Unternehmensberater, Coach und Organisationsentwickler, mit viel Lust auf Marketing und Vertrieb. Ich bin auch Vortragsredner, Workshopleiter, Supervisor, Unternehmer seit 1991, Leipzig-, Eilenburg- und Berlin-Versteher sowie deutschsprachig weit unterwegs, von Herzen Nordsachse, Optimist in den meisten Fällen, Blogger, Fotograf, Trainer, auch Ausbilder für Autogenes Training – kurz: vielleicht auch dein Entwicklungsspezialist?
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01.02.2011 - Glossar, Psychologie - Kommentare per Feed RSS 2.0 - Kommentar schreiben -

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